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Berlin, Deutsche Oper: "TURANDOT"
Ursula Wiegand - Der Neue Merker
23 May 2010
Picture: © A. Rival
Viele warten schon gespannt auf die Otello-Premiere am 30. Mai, doch José Cura, der Held des Stückes, ist bereits vor Ort und singt an diesem Abend nicht Verdi, sondern den Calaf in Puccinis letzter Oper "Turandot". Eine Rolle, die vorzüglich zu seiner Stimme und seiner athletischen Statur passt.
Seine Partnerin als chinesische Prinzessin Turandot ist die Britin Catherine Foster, die seit 2001 als jugendlich-dramatische Sopranistin am Deutschen Nationaltheater Weimar arbeitet und in jüngster Zeit als Brünhilde über Weimar hinaus Erfolge feiert. Sie ist eingesprungen und musste sich in allerkürzester Zeit in die (umstrittene) Inszenierung von Laurent Campellone einfügen. Eine Mutleistung, aus der eine Glanzleistung wird.
Gleich die erste Auseinandersetzung der beiden im 2. Akt, wenn Turandot dem Fremden ihren Keuschheitswahn bzw. Männerhass mit dem Hinweis auf ihre Ahnin Lu-u Ling erklärt, wird zum Höhepunkt. Zwei stählerne Menschen mit ebenso stählernen, aber nie schmerzhaft harten Stimmen begegnen sich auf Augenhöhe. Grandioses Singen, bei dem sich die Nackenhaare sträuben, anschließend von starkem Zwischenbeifall belohnt.
Turandots Bezugnahme auf ein zweitausend Jahre zurückliegendes Ereignis wirkt jedoch weit hergeholt. Vielleicht empfindet sie gerade dann, wenn die blutigen Köpfe aller Bewerber rollen, die ihre dunklen Rätsel nicht lösen konnten, höchste sexuelle Erregung. So die Ansicht von Lorenzo Fioroni, der die Premiere am 13. September 2008 dirigierte. Prinzessin Turandot ist, das ist offenkundig, eine blockierte, liebesunfähige Person, die den ganzen Staat durch ihren Blutrausch korrumpiert. Genau so präsentiert sie Cartherine Foster.
Doch das Volk verehrt seine Prinzessin und genießt die Hinrichtungen auf nummerierten Stühlen wie bei einer TV-Show. Manchmal verspürt es Mitleid, muss schließlich auch ums eigene Überleben zittern. All’ das wird von den Chören der Deutschen Oper unter William Spaulding großartig gebracht. Im Gegensatz zum Herrscherclan ist das Volk im Stil der 1930er Jahre gekleidet (Kostüme: Katharina Gault), wohl ein Hinweis auf das sich anbahnende faschistische Unheil.
Und Calaf? Der passt in dieses brutale Umfeld. Der ist Turandot sofort und haltlos verfallen, wenn er (auf Italienisch) singt: „Und wenn die Welt zusammenbricht – ich will Turandot.“ Ihn, der selbst durch die Verbannung Gewalt erfahren hat, scheint Turandots Freude an sinnloser Gewaltausübung mehr zu reizen als ihre viel beschworene Schönheit. Er kommt als Eroberer, der ihren Widerstand brechen will. Liebe sieht anders aus.
Für diesen Mannestriumph riskiert er sogar das eigene Leben, in dem er nun Turandot das Rätsel aufgibt, seinen Namen in Erfahrung zu bringen. Damit nimmt er in Kauf, dass die Grausame ihre Untertanen scharenweis’ tötet, wenn die seinen Namen nicht in wenigen Stunden herausfinden.
Als „dramma lirico“ hat Puccini diese unvollendete und später nach seinen Notizen fertig gestellte Oper untertitelt. Doch lyrisch ist nur eine: die zarte Manuela Uhl in der Rolle der Sklavin Liù. Sie ist die einzige, die wirklich liebt. So sehr, dass sie sich opfert, um Calaf, der nichts von ihr wissen will, für Turandot (!) zu retten. Ein Engel auf Erden, und engelsgleich singt sie diese Partie. Eine Leistung, die ebenfalls intensiven Zwischenbeifall erntet.
Dem vertriebenen Fürsten Timur, Calafs Vater, leiht Arutjun Kotchinian seien profunden Bass und verbindet Wohllaut mit darstellerischem Können. Als komische Nummer fungieren die drei frustrierten Minister Ping, Pang, Pong, gesungen von Nathan de’Shon Myers, Jörg Schörner und Yosep Kang. Im blutverrückten Riesenreich haben sie ihren Realitätssinn bewahrt, weichen ihr aber insofern aus, indem Pong zur Tunte mutiert, die noch vor Turandot im Brautkleid auftritt. Gesanglich ziehen die drei alle Register
Der bewährte Peter Maus gibt noch immer wohltönend den (in der Tat) kleinen alten Kaiser, dem das Köpferollen schon lange zuwider ist. Doch er hat ja geschworen. (Da kommt der Gedanke auf, wie viele und weit größere Verbrechen an Individuen und Völkern durch ähnliche Schwüre begangen wurden und werden).
Im 3. Akt müssen alle Darsteller immer wieder über ein am Boden liegendes Gitter klettern (Bühne: Paul Zoller), das reichlich störend wirkt. Soll womöglich heißen, alte Vorurteile und Handlungsweisen zu überwinden. Trotz dieser Behinderung erleben wir wiederum Sangeskunst vom Feinsten. Jetzt beweist Catherine Foster, dass ihre große Stimme auch zarter Nuancen fähig ist. Cura dagegen gibt sich voller Leidenschaft. Während die tote Liù noch makaber am Galgen baumelt, gestehen sich beide ihre Liebe, eine aus Gewalt geborene. Der alte König setzt nun erleichtert Calaf seine Krone auf, das Volk, das hier nicht gezeigt wird (!), darf im Hintergrund glücklich sein.
Dirigent Laurent Campellone und das Orchester der Deutschen Oper Berlin bringen die Partitur, Puccinis modernste, voller Schwung, doch der Maestro erntet zuletzt einige Buhs. Die anderen jedoch, insbesondere Catherine Foster, José Cura und Manuela Uhl, werden mit Bravos und stehenden Ovationen ausgiebig gefeiert. Zu Recht, haben sie uns doch ein pfingstliches Gesangsfest beschert.